Gesundes Leben
Weniger rauchen – mehr Geld für höherwertiges Essen Weniger rauchen – mehr Geld für höherwertiges Essen
Die Uni Hohenheim startet das Projekt „Sei dabei, RAUCHFREI!“ an der Berliner Tafel. Das Projekt will bei einkommensschwachen Menschen über eine Rauchentwöhnung die Ernährungssicherheit... Weniger rauchen – mehr Geld für höherwertiges Essen



Die Uni Hohenheim startet das Projekt „Sei dabei, RAUCHFREI!“ an der Berliner Tafel. Das Projekt will bei einkommensschwachen Menschen über eine Rauchentwöhnung die Ernährungssicherheit verbessern – und damit gleich zwei Erkrankungsrisiken senken.

Rauchen ist teuer. Und wenn jemand sowieso schon wenig Geld zur Verfügung hat, müssen Prioritäten noch besser durchdacht und jeder Einkauf besonders gut überlegt werden. Wenn dann auch noch ein Teil des Budgets für Zigaretten abgeht, kann es spätestens am Monatsende schwierig werden, ausreichend Geld für gesunde Lebensmittel zur Verfügung zu haben. Einkommensschwache Menschen suche jedoch etablierte Programme zur Rauchentwöhnung nur selten auf.

Die Ernährungspsychologin Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop an der Universität Hohenheim in Stuttgart will nun ein Rauchentwöhnungsprogramm an die Bedürfnisse von Tafelkundinnen und -kunden anpassen. Sie kooperiert dabei mit der Berliner Tafel e.V. und dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Anschließend an das Projekt „Sei dabei, RAUCHFREI!“ will das Forschungsteam die Wirkung des angepassten Programms nicht nur auf das Rauchen, sondern auch auf die Ernährungssicherheit untersuchen. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek) und der Deutschen Krebshilfe.

In Deutschland sterben jährlich rund 120.000 Menschen an Erkrankungen, die direkt mit dem Rauchen in Verbindung stehen. Rauchen zählt zu den größten Risiken für vorzeitige Todesfälle und schwere Erkrankungen. Neben individuellen Belastungen durch das Tabakrauchen fallen jährlich insgesamt 79 Mrd. Euro soziale Kosten an, die überwiegend über die gesetzlichen Sozialversicherungen getragen werden. Ein enormer wirtschaftlicher Schaden.

Obwohl Rauchen so teuer ist, gibt es vor allem unter Menschen mit niedrigem sozialem Status besonders viele Tabakkonsumenten. „Das ist gleich ein doppeltes gesundheitliches Problem“, stellt Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop von der Universität Hohenheim fest, „denn bei Menschen mit niedrigem Einkommen konkurrieren das Bedürfnis nach Zigaretten und das nach ausreichend Lebensmittel um die geringen finanziellen Mittel.

der Anteil der Raucherinnen und Rauchern ist unter den Tafelkunden in Berlin mit rund 49 bis 60 Prozent besonders hoch. Er liegt weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt der Gesamtbevölkerung – laut aktuellen Zahlen des Sozioökonomischen Panels greifen rund 27 Prozent der Menschen über 16 Jahren zu Zigaretten und Co.

Die Folge sei oft Ernährungsunsicherheit. „Das heißt, dass sich Menschen zum Beispiel am Ende des Monats sorgen, nicht mehr genug Geld für Lebensmittel zu haben“, erklärt die Expertin. „Oft wird die Vielfalt und Qualität der Lebensmittel zugunsten günstiger, sättigender Gerichte eingeschränkt und es gibt in der letzten Woche des Monats beispielsweise nur noch Spaghetti mit Tomatensauce.“

Besonders schlimm ist es, wenn durch das Laster der Eltern deren Kindern ein Nachteil in der Qualität der Ernährung oder bei sonstigen für die Kinder wichtigen Anschaffungen entsteht.

In Deutschland gibt es rund 1,3 Mio. einkommensschwache Menschen, die regelmäßig in über 940 Tafeln Lebensmittel erhalten. Das Team um Prof. Dr. Ströbele-Benschop hat in mehreren Städten deren Ernährungssicherheit untersucht. In Berlin, so das Ergebnis, sind rund 72 Prozent der untersuchten Tafelkundinnen und -kunden ernährungsunsicher.

Das Problem: Rauchentwöhnungsprogramme, die sich in anderen Teilen der Bevölkerung bereits bewährt haben, werden von einkommensschwachen Personen nur selten aufgesucht. „Wir wollen deshalb eines dieser Programme, das etablierte ‚Rauchfrei Programm‘ der IFT-Gesundheitsförderung in München, an die speziellen Bedürfnisse der Tafelkunden anpassen und testen.“

Dabei wird ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt, Strategien zur Verbesserung des Wohlbefindens und der eigenen Lebensqualität zu entwickeln. Diese können aufgrund der kritischen Einkommenssituation und den damit verbundenen Belastungen und Sorgen eingeschränkt sein. Zudem soll das Programm die Motivation stärken, das Rauchen aufzugeben, und das Aufhören strategisch vorbereiten. Eine therapeutische Begleitung unterstützt das Aufhören. Außerdem wird das Programm Ressourcen stärken, die dazu beitragen können, dass der Griff zur Zigarette auch dauerhaft unterbleibt.

Berliner Tafel kooperiert mit Forschungsteam
 

Für das Projekt kooperieren die Forscherinnen mit den „LAIB und SEELE“-Ausgabestellen der Berliner Tafel. Um die Hürden für eine Teilnahme so gering wie möglich zu halten, soll das Programm im Anschluss an die wöchentliche Ausgabe der Lebensmittel durchgeführt werden.

Im angepassten Gruppenprogramm erfasst das Forschungsteam anhand von Fragebögen, wie es um den Tabakkonsum und die Ernährungssicherheit der Teilnehmenden bestellt ist. Ängste und Unsicherheiten bezüglich der Ernährung werden abgefragt, und ob die knappen finanziellen Mittel den Zugang zu Lebensmitteln einschränken. Es geht um den Rauchstatus, den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Teilnehmenden. Diese Abfrage wird nach einem halben Jahr wiederholt.

Um die Aussagen über den Tabakkonsum zu verifizieren, führt das Forschungsteam außerdem einen Kohlenmonoxid-Atemtest durch. Dieser Test sagt aus, wie stark jemand raucht. Teilnehmenden werden außerdem Nikotinersatzprodukte in Form von Pflastern, Sprays oder Kaugummis angeboten. Zusammen mit den Teilnehmenden sollen die „LAIB und SEELE“-Ausgabestellen nichtraucher-freundlich gestaltet werden, damit das Nichtrauchen leichter fällt.

Weitere Informationen
Rauchfrei-Programm der IFT-Gesundheitsförderung
Berliner Tafel

Das Projekt „Sei dabei, RAUCHFREI!“ der Universität Hohenheim ist speziell auf die Bedürfnisse einkommensschwacher Menschen ausgerichtet | Bildquelle: Universität Hohenheim / Dorothea Elsner

Dr. Polwin-Plass Lydia Inhaberin und Chefredakteurin

Als promovierte Journalistin/Publizistin arbeite ich als freie Journalistin und Pressefotografin in Frankfurt am Main und Umgebung. Meine Themenschwerpunkte sind Vertrieb, Marketing, Bildung, Arbeitsmarkt, Kultur und Alternativmedizin. Zu medizinischen Themen konnte ich mir im Laufe der Jahre durch Mitwirkung an medizinischen Projekten und Verfassen zahlreicher Gesundheitsbroschüren viel Wissen und Erfahrung aneignen. Im Frühjahr 2015 gründete sie mein erstes Online Magazin "Metalogy.de" und 2019 folgte "Gesund heute und morgen".