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Keine teuren Medikamente für alte Menschen? Altersdiskriminierung in der Medizin als legale Option? Keine teuren Medikamente für alte Menschen? Altersdiskriminierung in der Medizin als legale Option?
Sollten hochbetagte Menschen anders behandelt werden als Jüngere, wenn es um den Zugang zu teuren oder neuartigen Medikamenten geht? Diese Frage hat Bundesdrogenbeauftragter Hendrik... Keine teuren Medikamente für alte Menschen? Altersdiskriminierung in der Medizin als legale Option?

Sollten hochbetagte Menschen anders behandelt werden als Jüngere, wenn es um den Zugang zu teuren oder neuartigen Medikamenten geht? Diese Frage hat Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck jüngst angestoßen und damit eine intensive Ethik-Debatte im Gesundheitswesen entfacht.

Der CDU-Gesundheitspolitiker stellte in der Sendung „Meinungsfreiheit“ des Senders Welt TV zur Diskussion, ob es klare Vorgaben brauche, die bestimmen, ab welchem Lebensalter oder in welchen Lebensphasen bestimmte Arzneimittel nicht mehr eingesetzt werden sollen. Seiner Ansicht nach sei es Aufgabe der medizinischen Selbstverwaltung, Leitlinien zu entwickeln, die verhindern, „dass bestimmte Medikamente noch routinemäßig ausprobiert werden, wenn der potenzielle Nutzen fraglich ist“.

Als Beispiel nannte Streeck schwere Erkrankungen wie weit fortgeschrittenen Krebs. Selbst wenn eine neue Therapieform statistisch eine moderate Reduktion der Sterblichkeit verspräche, stelle sich die Frage, ob man einen solchen Eingriff bei einer hundertjährigen Person noch rechtfertigen könne – vor allem, wenn die Medikamente besonders kostenintensiv seien. Und darum gehts hier? Um Geld? Will er damit sagen, dass alte Menschen den Staat kein Geld mehr kosten dürfen? Sollte es nicht in der Entscheidung der alten Menschen oder ihrer Verwandten liegen, ob sie im hohen Alter noch teuer behandelt werden wollen oder nicht?

Streeck verwies zudem auf persönliche Erfahrungen mit seinem Vater, der an Lungenkrebs verstarb. In den letzten Wochen seines Lebens seien noch einmal enorme Summen in neueste Behandlungsmethoden geflossen – ohne erkennbare Wirkung. Dies werfe grundsätzliche Fragen der Priorisierung auf, so Streeck. Tatsache ist: Auch bei jüngeren Patienten zeigen manche Medikamente keine Wirkung. Wenn aber die Lebensqualität verbessert werden kann oder auch nur ein Fünkchen Hoffnung auf Lebensverlängerung besteht, dürfte man dann wirklich Menschen die bestmögliche Hilfe verweigern, nur weil sie alt sind und es Geld kostet?

Tja, der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegt – einem zentralen Organ der Selbstverwaltung, in dem Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen vertreten sind. Patientenvertreter*innen dürfen zwar mitdiskutieren, haben aber kein Stimmrecht. Entscheidungen darüber, welche Therapien erstattet werden, sind daher bereits heute Ergebnis komplexer Abwägungsprozesse zwischen medizinischem Nutzen, Wirtschaftlichkeit und ethischen Grundsätzen. Wo bleibt hier das Thema Ethik?

Medizinische, ethische und gesellschaftliche Perspektiven

Medizinische Realität:
In der modernen Geriatrie ist klar: Alter allein ist kein valider medizinischer Parameter, um Therapieentscheidungen zu treffen. Viel wichtiger sind individuelle Faktoren wie biologische Fitness, Begleiterkrankungen, Lebensqualität, tatsächlicher Nutzen der Behandlung und am allerwichtigsten der Patientenwille.

Leitlinien vieler Fachgesellschaften betonen ausdrücklich die nicht-diskriminierende Versorgung älterer Patient*innen.

Kosten-Nutzen-Abwägung:
Gesundheitssysteme weltweit ringen damit, wie teure Innovationen – etwa Immuntherapien oder Gentherapien – effizient und gerecht eingesetzt werden können. Kostenfragen sind dabei ethisch hochsensibel, sobald Alter als Kriterium eingeführt wird.

Kritik: Gefahr von Alten-Diskriminierung

Die Aussagen Streecks stoßen alleine schon deshalb auf Kritik, weil sie eine gefährliche Nähe zu Altersrationierung oder gar Alten-Diskriminierung („Ageism“) erkennen lassen könnten:

  • Alter ≠ geringerer Wert 
    Wenn bei sehr alten Menschen pauschal hinterfragt wird, ob sich teure Medikamente „lohnen“, würde dies signalisieren, das Leben Älterer sei weniger schützenswert.

  • Individuelle Unterschiede enorm
    Eine 100-Jährige kann gesundheitlich in besserer Gesamtverfassung sein als ein 70-Jähriger mit multiplen schweren Erkrankungen. Pauschale Altersgrenzen ignorieren diese Realität und Entscheidungen, ob jemand ein wirksames, wenn auch teures, Medikament bekommt sollte niemals in den Händen von Ärzten oder Krankenkassen liegen. Allen Menschen sollte jede Behandlungsmöglichkeit zugänglich gemacht werden. Egal, was sie kostet.

  • Gefährliches Signal für die Gesellschaft
    Wenn politische Amtsträger öffentlich vorschlagen, bestimmte Gruppen möglicherweise von innovativen Therapien auszuschließen, kann dies nicht nur Vorurteile verstärken – sie entfachen die Diskriminierungsglut zu einem wahren Schwelbrand. Die Vorstellung, ältere Menschen seien „zu teuer“ oder „medizinisch nicht mehr sinnvoll“ zu behandeln, ist eigentlich untragbar!

  • Ethik & Grundrechte:
    Das Grundgesetz garantiert Gleichbehandlung – auch im Gesundheitswesen. Die UN hat Ageism als globales Problem identifiziert, das Gesundheit und Teilhabe älterer Menschen systematisch beeinträchtigt.

  • Patientenautonomie:
    Am Ende ist der Wille des Patienten entscheidend. Medizinische Entscheidungen ohne Einbeziehung der Betroffenen gefährden das Selbstbestimmungsrecht.

Fazit:

Wenn Alter als Ausschlusskriterium für hochpreisige Medikamente vorgeschlagen wird, entsteht die akute Gefahr altersbezogener Diskriminierung. Stattdessen fordert nicht nur die Geriatrie eine individuelle, patientenzentrierte und nicht-diskriminierende Betrachtung – im Einklang mit medizinischem Nutzen, Ethik und Selbstbestimmungsrechten.

Bild von Chräcker Heller auf Pixabay

Dr. Polwin-Plass Lydia Inhaberin und Chefredakteurin

Als promovierte Journalistin / Publizistin und Pressefotografin befasse ich mich mit verschiedenen Themenschwerpunkten: Vertrieb, Marketing, Bildung, Arbeitsmarkt, Kultur und Alternativmedizin. Zu medizinischen Themen konnte ich mir im Laufe der Jahre durch Recherche, Lektüre und das Verfassen zahlreicher Gesundheitsbroschüren viel Wissen und Erfahrung aneignen. Im Frühjahr 2015 gründete ich mein erstes Online Magazin "Metalogy.de" und 2019 folgte "Gesund heute und morgen".